12:35 Oct 20
Strategisches Lernen | Aufmerksames Organisieren
von Annette Gebauer
”I screwed up”. 2011 gibt Eric Schmidt, Ex-CEO von Google, öffentlich bekannt, dass er Facebook nicht ernst genug genommen habe. Vier Jahre zuvor hätte Google seinen heute größten Konkurrenten mit links auf seinen Platz verweisen können. Facebook hatte damals 20 Millionen Nutzer, für den Giganten Google ein vergleichsweise schwaches Signal. Aber wie konnte es soweit kommen, dass Facebooks Innovation sozialer Relevanz und Nutzerzentrierung von Google nicht erkannt wurde?
Die Chancen für Google standen gar nicht schlecht: 2002 gab Googles berühmte 20%-Regel einem jungen Google-Mitarbeiter den notwendigen Freiraum für die Erfindung von Orkut.com, eines innovativen, sozialen Netzwerkes. Aber die auf Algorithmen fokussierten Suchmaschinenexperten konnten nicht sehen, was sie da in den Händen hielten. Ganz nach dem Motto “sink or swim” investierte das Management nicht ausreichend in die Systementwicklung. Frühe Signale wurden missinterpretiert: Orkut.com scheiterte schließlich nicht nur aufgrund der hohen Nutzerzahlen sondern auch wegen Überlastung. Heute hat das Netzwerk in Brasilien seine Nische gefunden.
Organisationen neigen dazu, die Probleme zu finden, für die sie auch Lösungen haben. Google-Kennern wie Steven Levy zufolge war soziale Relevanz ein Dorn im Auge von Google (Levy 2011): Dass eine persönliche Empfehlung mehr wert sein konnte, als eine wissenschaftlich-rationale Suchfunktion, war ein No-go.
Fähigkeiten zum kollektiven Sensemaking – bewusstes Wahrnehmen, Erklären und Bewerten was im Hier und Jetzt geschieht – sind in einem innovationsgetriebenen Umfeld überlebenskritisch. Wie können wir positive oder negative Abweichungen, Überraschungen und Störungen frühzeitig registriert und interpretiert werden? Welche Landkarten von unserer Zukunft und unserer Vergangenheit helfen uns heute, ein möglichst facettenreiches Bild von der Lage zu verschaffen? Und wie flexibel sind wir gegenüber eben diesen Landkarten?
Mindfulness ist eine Art des Organisierens, die zuerst bei besonders zuverlässigen Organisationen in besonders risikoreichem Umfeld entdeckt wurde. Die Praxis des Mindful Organizings könnte ein neues Paradigma für innovative Unternehmen werden. Der Clou bei diesen Extremorganisationen: Weil kleinste Abweichungen fatale Folgen haben können, müssen diese Organisationen besonders “sensibel” sein. Zuverlässigkeit entsteht nicht durch die Kontrolle der vorhandenen Bedingungen, sondern durch das permanente Adaptieren an sich verändernde Bedingungen. Es lohnt sich deshalb, die Achtsamkeitspraktiken und -methoden besonders zuverlässiger Organisationen unter die Lupe zu nehmen: Wie können sie für die Steigerung der organisationalen Innovationsfähigkeit genutzt werden?
Mehr dazu finden Sie in dem bald erscheinenden Artikel "Innovation and Mindfulness" (im Journal Research in Competence-Based Management) von Henning Breuer und Annette Gebauer oder direkt auf der x mess.
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